Über den Künstler

Nona Gabrielyan ist eine vielseitige Künstlerin, deren Schaffen Keramik, kleinformatige Bronzeskulpturen, Malerei, Grafik sowie literarische Werke – Prosa und Lyrik – umfasst. Ihre Kunst ist eine Brücke zwischen Tradition und Experiment, ein Dialog zwischen Form und Emotion, verkörpert in Plastizität, Linie, Farbe und Gestalt.

Ihr Leben ist – wie ihr Werk – in drei Hauptphasen+ gegliedert, von denen jede einen unauslöschlichen Eindruck in ihrer künstlerischen Sprache hinterlassen hat. Von der kulturellen Polyphonie Tbilisis über das tiefe Eintauchen in die armenische Schule der monumentalen Kunst, von ihren schöpferischen Erkundungen in Jerewan bis hin zur internationalen Anerkennung in Europa – dieser Weg hat eine Meisterin geformt, deren Kunst nationale Grenzen überschreitet.

Tbilisi (1944–1963)
Nona Gabrielyan wurde 1944 in Tbilisi geboren – einer Stadt, in der östliche und westliche Kulturen seit Jahrhunderten in einem empfindlichen Gleichgewicht koexistierten. Ihre Kindheit in diesem vielschichtigen kulturellen Raum weckte in ihr die Sehnsucht nach Kunst.
Das Zeichnen wurde zu ihrer natürlichen Sprache, einem Mittel, die Welt zu verstehen. Nach dem ausgezeichneten Abschluss der Schule Nr. 66 traf sie eine lebensverändernde Entscheidung: Sie zog nach Armenien, um sich professionell der Kunst zu widmen. Dieser Schritt eröffnete ein neues Kapitel, geprägt von der Suche nach Form, Bedeutung und künstlerischer Stimme.

Jerewan (1963–1992)
1963 trat Gabrielyan in das Staatliche Institut für bildende Künste und Theater in Jerewan ein, wo sie bei Professor R.L. Simonyan Bildhauerei und Keramik studierte. Schon während ihres Studiums fielen ihre Werke durch ein hohes künstlerisches Niveau auf. Ihr Diplomprojekt wurde 1968 für die Ausstellung “Die besten Diplomarbeiten der UdSSR“ an der Akademie der Künste in Leningrad ausgewählt.

1971 wurde sie Mitglied des Künstlerverbands der UdSSR und nahm aktiv an Ausstellungen in Moskau, Leningrad und Jerewan teil. Ihre Einzelausstellung im Museum für moderne Kunst in Armenien (1980) etablierte sie als eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Zeit.
Ihre künstlerische Sprache dieser Periode entstand im Spannungsfeld zwischen der armenischen Monumentalkunst und avantgardistischem plastischem Denken. Ihre Werke zeichnen sich durch strenge Architektonik der Form, eine tiefe historische Verbundenheit und eine lebendige, expressive Energie aus.

Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit war sie auch als Dozentin und Kunstkritikerin tätig. Sie lehrte am Pädagogischen Institut und arbeitete als Kunsthistorikerin beim Kunstfonds Armeniens. Sie beteiligte sich an der Realisierung monumentaler und dekorativer Projekte in Jerewan, Jeghegnadsor, Konakowo und anderen Städten der UdSSR.

Doch das Ende der 1980er Jahre brachte einen Wendepunkt: der Zerfall der Sowjetunion, Krieg, soziale und wirtschaftliche Krisen. Die Künstlerin entschied sich, ein neues Kapitel im Ausland zu beginnen.

Wiesbaden (1992–2022)
1992 erhielt Nona Gabrielyan den Status einer freischaffenden Künstlerin und gründete zusammen mit dem Künstler Van Soghomonyan die Galerie “Atelier V&N“ in Wiesbaden. Dies markierte den Beginn einer neuen Phase, geprägt von internationalen Projekten, Lehrtätigkeit und tiefgreifender künstlerischer Experimentierfreude.

Die ersten fünfzehn Jahre waren von intensiver Ausstellungstätigkeit geprägt – in Wiesbaden, Frankfurt, Köln, Berlin, Halle, Fürstenwalde, Bergheim, Walluf und Paris.

Seit 1999 ist Gabrielyan Mitglied der Internationalen Keramikakademie KERAMOS (Warschau).

1999 erhielt sie ein Künstlerstipendium an der Cité Internationale des Arts in Paris, Frankreich.

Freiluft-Meisterkurs auf Armenien, Kloster Tatev, “Charents-Bogen”, 2014

Wichtige Ausstellungen dieser Periode:

1993: Kurhaus – Galerie Hygieia, Wiesbaden, Deutschland

2000: Einzelausstellung in der Galerie Art Present, Paris, Frankreich

2008: Ausstellung in der Nationalgalerie Armeniens, Jerewan

2012: Ausstellung “Die Welt in der Farbe“ im Kurhaus Christian-Zais-Saal, Wiesbaden, Deutschland

2016: “Zwischen Himmel und Erde“ im Museum für zeitgenössische Kunst, Jerewan, Armenien

Ihr Werk in Deutschland bildet eine Brücke zwischen europäischem Modernismus und östlicher Tradition. Farbe erhält symbolische Bedeutung, Formen gewinnen an Ausdrucksfreiheit – bleiben aber mit den armenischen Wurzeln verbunden.

Von 2004 bis 2021 lehrte Gabrielyan an der Akademie für Ältere der VHS Wiesbaden und leitete Workshops mit ihren Schülern in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Armenien und Kroatien.

Ihre Werke befinden sich in der Nationalgalerie Armeniens (Jerewan), im Museum für moderne Kunst Jerewan, im Ethnografischen Museum Sardarapat (Armenien), im Keramion-Museum in Frechen (Deutschland), im Staatlichen Museum für orientalische Kunst in Moskau und im Allrussischen Museum für angewandte und dekorative Kunst in Moskau.

Neben der bildenden Kunst widmet sich Nona Gabrielyan auch der Philosophie der Kreativität in schriftlicher Form. Ihre Bücher wie: “Zarte Wolken der Traurigkeit“ (2013), “Die Magie der Einsamkeit“ (2017) und “Unvergesslich“ (2024) sind durchdrungen von feinsinnigen Reflexionen über die Natur der Zeit, der Kunst und der menschlichen Seele. Ihre Gedichtbände – “Splitter des Himmels“ (2003), “Die Berührung“ (2006), “Von Nirgendwo“ (2007) und “Die Farbe des Wortes“ (2010) – bilden eine Fortsetzung ihrer künstlerischen Methode, in der Form und Inhalt zu einer harmonischen Einheit verschmelzen.

Nona Gabrielyan ist nicht nur eine Künstlerin, sondern auch eine kulturelle Botschafterin Armeniens. Drei Jahrzehnte lang, in denen sie zusammen mit ihrem verstorbenen Ehemann Van Soghomonyan in Deutschland lebte, war ihr Wiesbadener “Kunts-Atelier V&N” ein bedeutender Treffpunkt für Künstler, Studenten und Kunstliebhaber. Seit 1995 gab Nona Gabrielyan Meisterkurse in Malerei und Grafik und bildete über 55 junge Künstler aus. Viele von ihnen reisten mit ihr nach Armenien, lernten die Menschen und die Kultur des Landes kennen und malten seine Denkmäler und Landschaften. Wie sie selbst sagt: “Kunst ist eine universelle Sprache, insbesondere Malerei und Musik! Jeder kann sie ohne Übersetzung verstehen.“ In diesem Sinne stellte sie nicht nur ihre eigenen Werke in Deutschland aus, sondern integrierte auch Arbeiten ihrer Schüler und förderte unabhängige Ausstellungen junger Künstler. Kunst, als Sprache des kulturellen Dialogs, umfasst für sie auch die Literatur. Im Laufe der Jahre hat sie zahlreiche Gedichtbände und Kurzgeschichten mit eigenen Illustrationen auf Russisch, Armenisch und Deutsch veröffentlicht. Wie sie oft betont: “Ein Künstler gehört der ganzen Welt, und die ganze Welt gehört dem Künstler.“ Nona Gabrielyan ist genau eine solche Künstlerin.
Muriel Mirak-Weißbach
Autorin und Korrespondentin der Zeitung Armenian Mirror-Spectator

nonagabrielyan.am © 2025 Alle Rechte vorbehalten.| Entwickelt von PAP ART Gallery